Belohnt Jugendstrafrichter Lüge der Angeklagten?

Vier Jugendliche wurden wegen Körperverletzung angeklagt. Sie sollen einem Kind (7) Wodka in solchen Mengen verabreicht haben, dass dieser mit 2 Promille ins Koma fiel. Die Untersuchung des Magensaftes des Kindes erbrachte aber keine Hinweise auf Wodka, sondern auf Weinbrand und Whisky. Die Angeklagten hatten aber nur Wodka bei sich. Vor der Hauptverhandlung erklärte die Vorsitzende nun den Verteidigern, dass der kindliche Zeuge (Geschädigter) nicht rechtzeitig geladen werden konnte. Der war – wie gerade erst bekannt geworden war –  schon 9 Monate zuvor und kurz nach der vermeintlichen Straftat vom Jugendamt gemeinsam mit seinen zwei Geschwistern in ein Kinderheim verfrachtet worden. Und zwar wegen Alkoholproblemen sowohl der Eltern als auch der Kinder. Und das Gutachten (Magensaft),  so die Vorsitzende, weise nun auch nicht auf die Einnahme einer größeren Menge Wodkas hin.  Dennoch sei sie der Meinung, dass den Angeklagten deutlich vor Augen geführt werden müsse, dass man Kindern keinen Alkohol verabreichen dürfe und bot an, das Verfahren mit einer Ermahnung einzustellen, wenn ein Geständnis abgelegt werden würde. Drei der vier Angeklagten legten kein Geständnis ab, sie erklärten lediglich, dass ihnen der Junge leid tue.  Das wertete die Vorsitzende als Geständnis, ermahnte und stellte ein.

Meine Mandantin äußerte sich auch: sie stellte einen Befangenheitsantrag, weil sich für sie die Voreingenommenheit der Richterin aus ihrer Bemerkung ergibt, den Angeklagten müsse vor Augen geführt werden, dass man Kindern keinen Alkohol gibt. Diese Bemerkung wiegt um so schwerer, weil aus den Gesamtumständen deutlich wird, dass das Kind  eben gerade keinen Wodka oder anderen Sprit von den Angeklagten bekommen hat. Auf den faulen Deal ließ sich meine Mandantin als einzige nicht ein. Gegen sie wird nächstes Jahr weiter verhandelt.

Dass die anderen drei Angeklagten umkippten, ist verständlich. Ihre Verteidiger hatten – nach meiner Einschätzung – keinen Bock auf das Verfahren. Denn ihre Beiordnungsanträge waren abgeschmettert worden. Und sie legten ihren Mandanten nahe, den Deal anzunehmen.

Dass eine Jugendrichterin bei einer solchen Ausgangslage einen solchen Deal anbietet, empfinde ich als empörend. Jugendliche werden genötigt,  Erklärungen abzugeben, die sie ohne äußeren Druck nicht abgegeben hätten. Das eigentlich pädagogische Jugendstrafrecht verbiegt bei einer solchen mißbräuchlichen Anwendung den Charakter junger Menschen: sie lernen, dass sie für die Lüge belohnt werden.

Kommentare

3 Kommentare zu “Belohnt Jugendstrafrichter Lüge der Angeklagten?”

  1. RA Müller am 17.11.2010 um 16:19 Uhr

    Meines Erachtens ist es im Jugendstrafrecht ein häufiger zu beobachtendes Phänomen, das der „Erziehungsgedanke“ allgemein das Denken beherrscht und die Unschuldsvermutung und prozessuale Gegebenheiten beiseite geschoben werden.
    Manchmal erwecken Jugendrichter auch den Eindruck, daß die Anwälte sich doch bitte nicht so anstellen sollen. Es sei doch „nur“ eine Ermahnung/Auflage etc.

  2. egal am 01.12.2010 um 11:48 Uhr

    Bei welcher Abt. hatten Sie denn das Vergnügen?

  3. ulrichdost am 01.12.2010 um 12:04 Uhr

    409 Ds

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